Heute schöne Kaffeerunde im Besprechungsraum (Zi. 104) im Klever Rathaus. Bürgermeister Theodor Brauer hatte zur Ehrung von drei Schiedsleuten geladen, die ihr Ehrenamt bereits seit zehn Jahren ausüben. Eine nette Gelegenheit, mal diese wichtige Aufgabe ein wenig ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Außer Brauer waren auch noch der stellvertretende Amtsgerichtsdirektor Ulrich-Michael Blawat, Manfred van Halteren vom Bezirksverband der Schiedsleute, und Rechtsdirektor der Stadt Kleve, Wolfgang Goffin, anwesend.

Theodor Brauer begrüßte alle und begann seine Rede mit dem Geständnis, keine Ahnung von der Arbeit der Schiedsleute zu haben. Das war vermutlich geflunkert, denn dann berichtete er so detailliert und kenntnisreich über deren Arbeit, dass man eigentlich nicht glauben kann, dass er hier improvisierte. Ich wurde während seiner Rede aber von Wolfgang Goffin abgelenkt, der direkt neben Brauer saß. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen: Der Rechtsdirektor lehnte sich nämlich im bequemen Besprechungssessel zurück und begann, ganz eifrig auf seinem Dienst-Blackberry herumzutippen, während Bürgermeister Theodor Brauer über das Ehrenamt sprach. goffin

Ich dachte: "Was macht denn der Herr Goffin da? Das ist aber mal unhöflich. Da ist nachher sicher ein Ampelgespräch fällig, in dem der Bürgermeister ihm erklärt, dass man nicht mit dem Handy spielt, wenn er redet." War dann aber nicht nötig, denn der Rechtsdirektor hatte nur Gutes im Sinn. Einer der Gäste in der Runde hatte nämlich beim Eingießen Tee verschüttet und wäre für ein Tuch dankbar gewesen. War aber keines da. Knapp eine Minute nachdem Goffin die SMS abgeschickt hatte, betrat plötzlich Brauers Sekretärin Vanessa Neu den Besprechungsraum und händigte Goffin diskret einige Servietten aus, von denen er eine dem Gast rüberschob. "Ich wollte die Rede des Bürgermeisters ja nicht stören oder unterbrechen, anderseits aber unserem Gast doch behilflich sein.  Deshalb habe ich die Servietten einfach per SMS erbeten", verriet Goffin mir hinterher.

Ich würde sagen, dass das vorbildlich war.

Nicht so vorbildlich fand ich dagegen den Auftritt vom stellvertretenden Amtsgerichtsdirektor Ulrich-Michael Blawat, der aber nicht schuld daran war. Er konnte den Schiedsleuten als Dankeschön für ihre ehrenamtliche Arbeit, mit der sie die Gerichte ja enorm entlasten, nämlich nur eine sehr schmucklose Urkunde überreichen, die auf mich auch noch so wirkte, als sei sie heute morgen noch eben schnell auf Kopierpapier ausgedruckt worden (siehe Foto). urkundeAnsonten keine Blumen, keine Flasche Wein, kein Buch - nichts. Ich glaube, es war Blawat selbst ein wenig peinlich, mit so leeren Händen zu kommen und so erklärte er, dass das Landgericht für so etwas leider keinerlei Budget habe. "Wir jammern nicht nur - wir haben wirklich nichts!", sagte er.

Das war natürlich witzig und alle lachten auch. Aber im Grunde war es doch traurig. Dass dem Amtsgericht für solche Gelegenheiten nicht mal ein paar Euro genehmigt werden, ist doch im Grunde eine Schande will mir scheinen. Dass das Land sparen muss, ist ja schön und gut. Aber dass man einem Gerichtsdirektor zumutet, eine Ehrung ohne Blumen vorzunehmen, finde ich irgendwie peinlich. Das ist auch nicht sparsam, sondern knauserig! Da werden Millionen und Abermillionen für Bankenrettungsaktionen locker gemacht, aber um ein paar Ehrenamtlern einen Blumenstrauß zu kaufen, dafür ist kein Geld da. Das verstehe, wer will.

Manfred van Helteren vom Bund Deutscher Schiedsleute (ein kleiner Verein!) zeigte dann, wie es geht und überreichte den Klever Schiedsleuten Resi Flintrop, Wilhelm Quartier und Arno Schoofs jeweils eine wirklich repräsentative Urkunde, eine Bronzeplakette, Blumen und noch eine Flasche Wein als Dankeschön für ihre Arbeit.

So gehört sich das!schieds

 

 

 

 

 

 

 

 

Olaf Plotke, 3. Mai 2011

 

 

Einer der Gäste in der Runde hatte nämlich beim Eingießen Tee verschüttet und wäre für ein Tuch dankbar gewesen. Knapp eine Minute nachdem Goffin die SMS abgeschickt hatte, betrat plötzlich Brauers Sekretärin Vanessa Neu den Besprechungsraum und händigte Goffin diskret einige Servietten aus, von denen er eine dem Gast überreichte. Der nahm sie gerne entgegen. "Ich wollte die Rede des Bürgermeisters ja nicht stören oder unterbrechen, anderseits aber unserem Gast doch behilflich sein.

Nach zehn Tagen Urlaub in Schweden mit viel Sonne ist der Start in den Arbeitsalltag heute doch schwer gefallen. Zumal das Wetter hier am Niederrhein ja auch noch so schön sommerlich ist. Als Journalist hat man ja keine festen Arbeitszeiten, was zumindest heute mal ein echter Vorteil ist. Also raus aus dem Büro und rein in die Klever Innenstadt. eis2

Vor dem Café Wanders in Kleve lockt ein Nostalgie-Eiswagen. Wer ein Eis möchte, muss sich mit Hilfe einer kleinen Glocke bemerkbar machen, die am Wagen angebracht ist. Auf dem Schild neben der Glocke steht, man solle klingeln. Obwohl ich spontan denke, dass es doch eigentlich läuten heißen müsste. Aber vermutlich ist das Quatsch, weil das bekannte Kinderlied ja doch "Kling´ Glöckchen" heißt und nicht "Läut´ Glöckchen". eis

Viel spannender ist ja auch die Frage, was das Eis denn nun kostet? Auf der Plexiglasscheibe des Nostlagie-Eiswagen stehen zwei Preise: Einmal "Eis Kugel 50 ct." und einmal "Kugel Eis 70 ct.". Klar, dass ich natürlich überdeutlich eine "Eis Kugel" bestelle. Hat dann auch tatsächlich nur 50 Cent gekostet.

Ich habe natürlich nachgefragt, ob eine "Kugel Eis" denn 70 Cent gekostet hätte. Nein, natürlich nicht. "Das ist noch der Preis von der letzten Saison", klärt mich Frau Wanders auf. Ist ja mal eine nette Abwechslung, wenn mal von einem aufs andere Jahr etwas günstiger wird.

Eine ebenfalls nette Überraschung erwartet die Besucher eines Klever Eiscafés ganz in der Nähe. Dort gibt es nämlich eine ganz besondere Spezialität: "Lattemacchiato mit Geschmack"!

Wow.geschmack2

Was denkt sich jemand dabei, wenn er so was in die Getränkekarte druckt?

Vermutlich weniger als Jens Steinkamp von "Auto-Glas direkt" an der Kalkarer Straße in Kleve, der an seinem Firmenschild immer noch einen gut sichtbaren Weihnachtsbaum mit silbernen Kugeln angebracht hat. "Das ist eine Tradition bei uns", erklärt Steinkamp mir. "Ich lasse den jedes Jahr bis zum Hochsommer hängen. Das irritiert die Menschen und ist doch eine klasse Werbung, oder?"tannenbaum

Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum der brave Händler, der am Klever Ring seinen Spargel bewirbt, zwar Spargel schreibt, aber uns eine Erdbeere zeigt. Vielleicht bewirbt er aber auch gar nicht den Spargel, sondern die Erdbeere. spargel1

Ich muss natürlich gleich an die tolle Geschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" von Peter Bichsel denken über den Mann, der sein Leben ändern will und zum Bett fortan Bild, zum Stuhl Wecker, zum Tisch Teppich, zu einem Bild Tisch usw. sagt. So ändert er sein Leben und gibt allen Dingen neue Namen. Und das verinnerlicht er so sehr, dass er schließlich lachen muss, wenn er die anderen Leute auf der Straße sprechen hört, denn "zu seinem Bild sagen die Leute Tisch". Das ist traurig und der Mann, der unseren Tisch Teppich nennt, schweigt am Ende. Er schweigt, weil ihn niemand versteht und er auch niemanden mehr versteht.

Ich hoffe, der brave Spargel- oder Erdbeerhändler ist nicht so traurig, sondern macht gute Geschäfte und freut sich darüber. Lecker sind ja beide: Erdbeeren und Spargel. Und dem Geld sieht man am Ende auch nicht an, ob man es für das längliche Gemüse oder die kleine rote Beere bekommen hat, die ja angeblich eine Nuss ist. Weswegen ich sie auch nicht essen kann, weil ich gegen Nüsse leider allergisch bin.

 

Olaf Plotke, 2. Mai 2011

 

 

Pressekonferenz am Donnerstagmittag im Klever Ratssaal. Die Stadtverwaltung hat zur großen Stadtpressekonferenz geladen. Es geht um allerlei Themen, aber vor allem um das Rathaus selbst. Die Stadtspitze verkündet, dass der Bürgerwille zählt und das Rathaus nun wirklich nur saniert wird. Man kann vermuten, dass alle Beteiligten hinter dem Rücken die Finger verkreuzt halten. Denn gleichzeitig wird auch ein Teilabriss angekündigt. Wie umfangreich der sein wird, weiß noch niemand oder man will es einfach nicht sagen. pressekonferenz

Eigentlich war es ziemlich sinnfrei, was man da so von der Stadtspitze zu hören bekam. Bemerkenswert war allerdings der kurze Wutausbruch von Bürgermeister Theodor Brauer, der die Fragen der Journalisten nach Zahlen, Umfang etc. irgendwie nicht gut fand. Auf alle Fälle meinte er, dass wir mit diesen kritischen Nachfragen, das gesamte Verfahren gefährden würden. "Sie haben da auch eine Verantwortung", ermahnte er uns. Das klingt hübsch und bauchpinselt den Wohlstandsbauch von uns Journalisten, weil er uns sozusagen zu ganz wichtigen VIPs macht. Übersetzt heißt die Botschaft aber: Sie wissen zwar nichts, weil wir Ihnen nichts sagen und wenn Ihnen doch irgendwer irgendwas sagt, was Sie nicht wissen dürfen, dann sollten Sie es nicht schreiben. Möge die Verantwortung mit Ihnen sein!

Schon die Kurier-Berichterstattung vom Wochenende über die Geheim-Pläne zum möglichen Neubau eines Rathauses auf dem Minoritenplatz samt Nennung des möglichen Investors Zevens, bezeichnete Kämmerer Willibrord Haas als "bedauerlich" und fügte hinzu: "Das ist kontraproduktiv!"

Man muss sich das nochmal ganz in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Damit man merkt, wie recht Willibrord Haas hat:

Da gibt es ein eindeutiges Votum der Bürger für eine Sanierung des Rathauses am angestammten Ort. Ein Votum, das im Rahmen eines aufwendigen Werkstattverfahrens zustande gekommen war. Im stillen Kämmerlein kommt dann aber wohl irgendwelchen CDU-Granden die Idee, dass man diesen Bürgerwillen auch ignorieren könne und doch einen Rathaus-Neubau auf Minoritenplatz planen könnte. In nicht-öffentlicher Sitzung sollte dann eine erste Entscheidung gefällt werden.

Dass der Kurier am Sonntag und dann auch andere Medien diesen Skandal öffentlich gemacht haben, ist aus Sicht der Väter dieser Idee sicherlich "kontraproduktiv". Beim Flunkern wird bekanntlich keiner gerne erwischt. Und erwischt zu werden, ist natürlich für den Erwischten kontraproduktiv.

Produktiv war die Berichterstattung dann aber insofern, dass vor allem die Politiker der CDU daran erinnert wurden, dass man den Bürgerwillen nicht einfach ignorieren sollte. Schließlich sprachen sich die Fraktionen in "großer Einmütigkeit" (Zitat Haas) dafür aus, den Bürgerwillen umzusetzen.

Wie schön. "Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!" (Psalm 122,7)

Willibrord Haas bezeichnet die derzeitige Planungfür die Rathaus-Sanierung noch als Hülle, die nun gefüllt werden muss. Ich möchte etwas zu dieser Füllung beitragen und bemerken, dass der Teppich im Ratssaal auf alle Fälle "raus muss". Ich saß bei der Pressekonferenz nämlich auf einem Platz, der sonst soweit ich weiß zur CDU-Fraktion gehört (Fensterreihe, achter Sitzplatz von oben gezählt). Rund um den Stuhl war der Teppich mit Flecken, Flecken und nochmal Flecken gesprenkelt. "Aller Staub des Landes ward zu Flecken auf dem Teppich des Rates", dachte ich in Abwandlung des berühmten Verses im zweiten Buch Mose.

dreck1

 

 

Olaf Plotke, 15. April 2011

 

Es hat mich nicht weiter verwundert, dass ich heute eine E-Mail im Posteingang hatte, in der Paul Geominy aus Emmerich (Foto) von der selbst ernannten Bürgerinitiative "Neumarkt 21" mir "schlechten Stil" und "Verblendung" vorwarf. Neues_BildMeinen Kommentar in der gedruckten Kurier am Sonntag-Ausgabe (hier online nachlesen) über seine m.E. peinlichen, selbstgefälligen und völlig überzogen scharf formulierten Briefe und Pressemitteilungen konnte einer wie er nicht unbeantwortet lassen. Ihm stinkt es scheinbar, dass auf dem Neumarkt in Emmerich ein kombiniertes Wohn- und Handelsobjekt entstehen soll, das von Innenstadt- und Stadtentwicklungsexperten Bestnoten erhalten hat und ein großer Gewinn für die Stadt werden kann. Vielleicht hat Geominy ein Problem damit, dass einer der Köpfe hinter dem Projekt der frühere Sparkassen-Chef Johannes Welmanns ist, vielleicht will er aber auch nur einfach mal in der Zeitung stehen.

Paul Geominy gehört m.E. aber zu der Sorte von Menschen, die im Austeilen groß sind, sich beim Einstecken aber als Mimosen entlarven und Kritikern mit Beschimpfungen begegnen: "Offenbar sind Sie genauso verblendet wie einige unserer Politiker, die diesen Schildbürgerstreich, der sich hier in Emmerich gerade abzeichnet, zu erkennen", schrieb er mir in seiner Mail (Auch mit diesem Satzkonstruktionsfehler, den ich hier mal nicht korrigiert habe). Selbstverständlich wird kritische Presse wie der Kurier am Sonntag künftig von ihm auch nicht mehr mit Pressemitteilungen bedacht.

Das ist sicherlich kein Verlust für unsere Zeitung, zeigt mir aber, dass für Herrn Geominy kritischer Journalismus wohl nur dann gut ist, wenn er kritisiert, was auch er kritikwürdig findet.

Wenn ich mir so durchlese, was Paul Geominy in den letzten Wochen so geschrieben hat, dann scheint mir, dass die Welt für ihn doch recht übersichtlich strukturiert ist: Die engagierten und gewissenhaften Ratspolitiker in Emmerich sind für ihn wohl allesamt verblendete "Hobbypolitiker", deren Diktat man sich widersetzen muss, weil sie zusammen mit den Verwaltungsmitarbeitern zu doof sind, um zu erkennen, dass sie hier von einer skrupellosen Clique "über den Tisch gezogen" werden. Irgendwie ist es den Geschäftemachern wohl auch gelungen, die deutschlandweit als kritische und hochangesehene Experten des Planungsbüros "Junker & Kruse" zu instrumentalisieren, die für die Raffzähne Gefälligkeitsgutachten schreiben (Geominy: "...glaube ich nicht, dass die Experten unabhängig waren.").

So oder so ähnlich scheint Geominy die Sache wohl zu sehen.

Ich glaube, dass sich die Welt für ihn einfach irgendwie anders darstellt, als zum Beispiel für mich oder viele andere. So glaubt er auch, dass die Facebook-Präsenz von "Neumarkt 21" ein Erfolg sei. "Viele Neumarkt 21 Freunde haben sich schon verlinkt", schrieb er mir kürzlich. Ich habe da heute nochmal nachgeguckt. Hier das Ergebnis:

neu21_KopieEiner Person gefällt das! Aha.

Super.

Große Unterstützung sieht m.E. aber irgendwie anders aus, Herr Geominy - von der "deutlichen Mehrheit", die Sie hinter sich wähnen mal ganz zu schweigen!

Ich finde, dass Paul Geominy mit dieser Sicht auf die Realität doch bei der Partei "Die Linke" ganz gut aufgehoben wäre, oder?

Mich erreichte heute übrigens auch ein Leserbrief, in dem ein Emmericher Bürger Herrn Geominy als "Wellenschläger" (sehr schönes Bild!) bezeichnet, dem man kein "Forum zur egomanen Persönlichkeitsentwicklung, wenn nicht gar zur Befriedigung eines ausgeprägten Geltungsbedürfnisses bieten" sollte.

Ich finde, der Mann hat recht.

 

Olaf Plotke, 3. April 2011

Als ich ein kleiner Junge war, da hieß die Telekom noch Fernmeldeamt und die Telefonzellen waren noch so gelb wie die Post, die damals noch die Bundespost war. Die Menschen, die im Postamt (!) arbeiteten, waren Beamte, denen ich unter dickem Panzerglas mein Sparbuch mit dem zuvor ausgefüllten Auszahlungsschein durchschob, um mal wieder fünf Mark abzuheben. Der Postbeamte in seiner Uniform war eine Respektsperson. Und wenn ich schon zum dritten Mal hinter einander Geld abheben wollte, fühlte ich mich irgendwie schuldig und versprach dem Beamten, beim nächsten Mal ganz sicher wegen einer Einzahlung zu kommen. Der nickte dann zustimmend und machte einen Stempel in mein Postsparbuch (Das ich immer noch besitze – natürlich entwertet!).

Wie viele andere Jungen hatte auch ich ein Postamt zu Hause, weil auch ich Postbeamter, genauer gesagt Postbote, werden wollte.

Damals, Ende der 70er/Anfang der 80er, wollten fast alle Postbote werden. Jungen genauso wie Mädchen. Genau genommen wollten wir nicht Postbote werden, sondern „Onkel Heini“. Das war der Hauptdarsteller in der Kinder-Fernsehserie „Neues aus Uhlenbusch“ und wurde von dem einzigartigen Hans-Peter Korff gespielt. Aber das wusste ich damals natürlich noch nicht. Für mich war „Onkel Heini“ eben Onkel Heini und er war so real wie unser eigener Postbote.

Onkel Heini war toll, denn er war zwar groß wie ein Erwachsener, aber im Grunde war er immer noch ein Kind. Und er konnte all´ die Dinge, die man nur kann, wenn man Kind ist: Fliegen zum Beispiel oder in der Lotterie den Hauptpreis gewinnen, weil man sich das so vorgenommen hat oder Noten sehen, die aus einem Klavier kommen und und und.

Wohnt unserem Leben nicht ein wunderliches Bewenden inne, dass man mit jedem Jahr etwas zu lernen und gleichzeitig etwas zu verlernen scheint?uhlenbusch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Cover der DVD "Neues aus Uhlenbusch: "Ich hatte einen Traum".

Im Laufe der Jahre habe ich das Fliegen verlernt und ein Ast ist für mich heute einfach nur ein Ast und nicht mehr das magische Schwert Excalibur. Und Onkel Heini? Der ist genauso verschwunden wie die gelben Telefonzellen, die Post-Sparbücher, das Postlogo mit den zwei Pfeilen, die nach rechts und links wiesen (und für die Fernmeldesparte standen) und das Postamt.

Wenn ich heute zur Post gehe, dann stehe ich immer öfter in einer Wäscherei und Heißmangel oder einem Kiosk, der das Post-Geschäft so nebenbei mitmacht. In Kleve gibt es ja noch ein richtiges Postamt, auch wenn das heute natürlich nicht mehr so heißt. Vermutlich trägt es so eine zwanghaft modern klingende Bezeichnung wie „Mail Deliverance and Service Center“ oder so. Weder innen noch außen erinnert irgendwas an die „gute, alte Post“ (Das Gebäude an der Hagschen Straße war noch ein echtes Postamt, nicht wahr?), aber die Menschen, die da arbeiten, sind noch richtige Postler.

Nachdem ich nach Uedem gezogen bin, war ich zehn Jahre lang nicht mehr in der Klever Post gewesen. Als ich kürzlich dort einen Brief aufgab, begrüßte mich der freundliche Beamte (er ist noch einer!) mit folgenden Worten: „Hallo Herr Plotke, schön Sie mal wieder hier zu sehen!“

Ist das nicht faszinierend?

Für mich war ein guter Postbeamter immer in der Lage, allen Menschen, die das Postamt betraten, das Gefühl zu geben, man komme zu einem Familienmitglied. Denn die Postbeamten wussten doch im Grunde immer alles: ob jemand verliebt war (aufgeben von parfümierten Briefen), trauerte (Kondolenzbriefe) oder auf Nachricht aus der Fremde hoffte (warten an der Tür neben dem Briefkasten).

Man vertraute den Postbeamten, weil man sich auf eine seltsame Art und Weise vertraut war. Es schien mir nämlich immer so, als wüssten sie alles von mir, während ihr Leben für mich seltsam diffus blieb. Im Grunde so wie bei Onkel Heini in Uhlenbusch. Ein Mann, dessen großes Herz für alle Menschen seines kleinen Dorfes schlug und für die er immer nur Onkel Heini war.

Daran musste ich also denken, als mich der Postbeamte in der Klever (Haupt-)Post so nett überraschte.

Als ich die Post mit einem Lächeln verließ, fiel mein Blick auf diese zwei hässlichen gelben Monster, die sich Paketbox und Packstation nennen und von der Post als große Service-Innovation gefeiert werden, weil man an ihnen 24 Stunden am Tag Pakete aufgeben und abholen kann. Aber im Grunde sind diese Ungetüme m.E. doch nur ein Mittel zum Arbeitsplatzabbau und ein weiterer Schritt hin zur völligen Automation, weg von der Post mit dem menschlichen Gesicht. Zum Beispiel mit dem von „Onkel Heini“, den wir so sehr vermissen wie die Zeit, in der wir alle noch wünschten, wir würden in Uhlenbusch leben und könnten stundenlang im kniehohen Gras liegen und träumen. Von Noten, die aus einem Klavier kommen, von Menschen, die fliegen können und davon, dass wir mit dem Fahrrad den unüberwindbaren Berg überwinden, der zwischen Uhlenbusch und Rehfeld liegt. paketbox

 

 

Olaf Plotke, 1. April 2011

 

Ich habe schon lange die Theorie, dass immer dann, wenn Architekten sich vor Begeisterung für ein Bauwerk überschlagen und Architektenkammern dafür Preise verleihen, es sich im Grunde um ein Gebäude handelt, dass Nicht-Architekten (also fast alle) als langweilig, trist und im schlimmsten Fall sogar als Bausünde empfinden.

Ich habe das in meinen Jahren bei einem Immobilienkonzern mehrmals kopfschüttelnd besichtigen können und sehe mich nun wieder bestätigt, nachdem ich erfahren habe, dass das neue Gocher Rathaus einen Preis des Bundes Deutscher Architekten, Linker Niederrhein erhalten hat. Die Jury urteilte: "Die Architektur ist als Ganzes und bis ins Detail hinein geprägt durch große Sorgfalt und kultivierte Klarheit, sie wirkt gleichzeitig nahbar, offen und kommunikativ." Das ist natürlich übelstes Bla-Bla wie wir es sonst nur aus der Museumsszene kennen. Aber Architekten sind vermutlich auch Künstler. Angeblich ja sogar jeder Mensch (Beuys). Wenn man das im Sinne von "Jeder Mensch schafft künstliches" versteht, stimmt es sicher. Ob das dann auch immer gleich "kultivierte Klarheit" ist, weiß ich nicht.

Also das ausgezeichnete Rathaus habe ich heute mal mit offenen Augen besichtigt. Meiner Ansicht nach versprüht es zumindest innen eher den Charme einer Bunkeranlage. Was Architekten an nackten Betonwänden toll finden, erschließt sich mir nicht. Für mich sieht das aus wie angefangen und nicht fertig gebaut.  Vielleicht soll das aber auch signalisieren: "Seht her, liebe Bürger, wir gehen ganz sorgsam mit Euern Gebühren um und leisten uns nicht mal Putz oder Tapeten für unsere Wände!"  Ein Architekt kann mir aber sicher erklären, warum Gebäude mit Bunker-Atmosphäre heute "offen und kommunikativ" wirken sollen. Muss aber auch nicht.gochrathaus3gochrathaus4

Von außen ist das Rathaus natürlich schicker. Da erfreut eine große Glasfassade das Auge.

Man muss wissen, das Architekten große Glasflächen lieben. Und die sehen ja auch toll aus. Zumindest am ersten Tag und wenn noch keiner drin ist.

Nun ist das Rathaus natürlich ein Ort, an dem viel und hart gearbeitet wird. Das kann man sehen, denn die Büros sind dank der Glasfassade sehr transparent. Insofern stimmt es, wenn die Architekten sagen "offen". Kommunikativ stimmt auch irgendwie. Wenn sich da mal einer der Mitarbeiter in der Nase bohrt, ist er mit Sicherheit Stadtgespräch. Ob das da einer macht, weiß ich natürlich nicht.

Ich weiß aber, dass da irgendwer den alten Trick kennt, statt aufzuräumen, einfach allen Plunder hinter einem großen Schrank zu verstecken. Habe ich als Kind auch gemacht, wenn ich nicht richtig aufräumen wollte. Bei mir ging das auch ganz gut, weil meine Eltern die Spielsachen von der Kinderzimmertür aus auch nicht sehen konnten und mein Zimmer also tiptop aufgeräumt aussah.

Im Gocher Rathaus ist es wohl ähnlich. Ich stelle mir vor, dass da einer die ollen Kartons , die er nicht auspacken wollte, einfach so hinter einem großen Schrank verschwinden ließ, dass der Chef das nicht sehen konnte, wenn er den Rgochrathausaum betrat.

Dumm nur, dass der gewitzte Mitarbeiter vergessen hat, dass das Rathaus raumhohe Glasflächen hat. Nun kann jeder Besucher von außen schon sehen, welcher Raum dringend mal aufgeräumt werden sollte (Er ist in der 1. Etage!). Kleiner Tipp: Wenn ein Mitarbeiter des Rathauses nach dem Lesen dieses Blogs sich erbarmt und die Kartons in den Keller bringt, dann kann er auch noch den ollen Zettel vom Schrank nehmen.

gochrathaus2

 

Wie gesagt, so eine Glasfassade sieht toll aus.

Wenn noch keiner eingezogen ist...

 

Olaf Plotke, 29.März 2011