Die Resonanz war zufriedenstellend, aber nicht überwältigend.Knapp 300 Besucher kamen am gestrigen Montagabend in die Stadthalle Kleve, um den Innenstadt-Experten Rolf Junker zu hören. Darunter waren viele Händler, aber auch Vertreter aus der Politik, z.B. CDU-Chef Jörg Cosar, CDU-Fraktionsboss Udo Janssen, OK-Fraktionsvorsitzender Paul Zigan, SPD-Fraktonschef Alexander Frantz, SPD-Parteivorsitzender Josef Gietemann, der FDP-Fraktionsvorsitzende Daniel Rütter, Grünen-Fraktionschefin Hedwig Meyer-Wilmes sowie die Ratsmitglieder Brigitte Wucherpfennig (SPD), Josef Berg (SPD), Michael Kumbrink (SPD) und Michael Bay (Grüne). Von der Verwaltung waren Kämmerer Willibrord Haaas (wegen Theodor Brauers Urlaub derzeit Verwaltungschef) und Wirtschaftsförderer Dr. Joachim Rasch anwesend sowie Stadtmarketing-Geschäftsführerin Ute Schulze-Heiming. Michael Bay im Gespräch mit Rolf Junker.

Junker redete wie angekündigt Tacheles. Er lobte das Werkstattverfahren aus dem Jahr 2009 und bekannte, ein Fan des ursprünglichen Konzepts von Astoc zu sein, das eine sehr kleinteilige Bebauung vorsah. Doch aus diesem einst sehr offenen Verfahren sei jetzt ein Projekt geworden, dass "hier scheinbar höchste Sicherheitsstufe" (Junker) zu haben hat. "Das ist hier eine Planung nach Gutsherrenart", kritisierte Junker. Das saß und dafür gab es auch stürmischen Beifall. Allerdings muss man zugeben, dass diese Kritik nach der Ankündigung von Sontowski gestern hinfällig ist. Noch im April wird es eine Bürgerversammlung geben, auf der der potentielle Investor seine Planung erneut mit den Klevern diskutieren will. Grünen-Ratsmitglied Michael Bay (der den Vortrag größtenteils gut fand) nahm Junker diese Keule gegen die Lokalpolitik übrigens übel und sagte ihm das auch nach der Veranstaltung. Junker entschuldigte sich für die flapsige Bemerkung (siehe Foto oben).

Überhaupt litt der Vortrag unter dem Umstand, dass am Montagvormittag Sontowski seine neuen Pläne der Presse vorgestellt hatte und die meisten Besucher sich u.a. über diesen Notiz-Blog ("Sontowskis zweiter Aufschlag") bereits darüber informiert hatten. Einige weitere Kritikpunkte Junkers an der Sontowski-Planung liefen deshalb ins Leere, z.B. die am Mieterbesatz, an der Architektur, der Tiefgarage als Eingang zum Center und dem Aufbau des Objekts. Es kam deshalb, wie ich bereits in "Bauklötze staunen" ankündigte - die Verwaltung lächelte die Kritik weg. Kämmerer Willibrord Haas nachher im Gespräch in kleiner Runde: "Herr Junker ist schlecht informiert worden. Wäre er zwei Stunden zum Kaffeetrinken in die Verwaltung gekommen, wäre er besser informiert gewesen."

Susanne Rexing beteiligte sich an der Diskussion, Frank Ruffing lieferte nur einen Zwischenruf. Er war offensichtlich nicht begeistert.Man sollte deshalb aber nicht übersehen, das Junker auch viele gute Anregungen gab.

Er ermahnte die anwesenden Bürger, Händler und Politiker, das "Center vom Ende her zu denken". Die Welt im Handel drehe sich flott und das Center könne schneller mit Leerständen voll sein als man glaube. "Jedes zweite Center ist renovierungsbedürftig. Aber renoviert wird auch nur, was sich lohnt." Sein Ratschlag: "Das Gebäude muss umbaufähig sein: Sie brauchen eine Möglichkeit für eine Zweitnutzung!" Er garnierte dies mit ein paar Bilder von sogenannten "Dead Malls" (toten Einkaufszentren). Kein schöner Anblick. "Das darf Ihnen nicht passieren!", warnte er eindringlich.

Junker befürchtet auch, dass durch das Sontwoski-Center die Unterstadt zum neuen Handelsschwerpunkt wird und das vor allem zu Lasten der Hagschen Straße und auch der Kavariner Straße geht. Kavariner - warum das? Weil die geplanten Wegebeziehungen des Sontowski-Centers die Kunden nicht zur Kavariner, sondern sofort auf die Große Straße führen würden. "Wenn Sie in der Unterstadt was machen, dann müssen Sie auch die Kavariner Straße und die Neue Mitte stärken!"

Für sehr wichtig halte ich Junkers Meinung über die Verkaufsflächen im Sontowski-Center. 5.800 Quadratmeter sind geplant. Allerdings bei einer Bruttogeschossfläche für den Handel von rund 9.200 Quadratmetern. Dieses Verhältnis finde ich etwas ungewöhnlich. Junker übrigens auch: "Die Lagerflächen können schnell über Nacht zu Verkaufsflächen werden. Und das überprüft nach der Eröffnung keiner mehr", mahnte Junker (Dazu hier nochmal der Link zur Internetseite der FDP Düsseldorf: "Arcaden: FDP zweifelt an Verkaufsfläche".). Keine Antwort gab es auf die Frage, ob Kleve diesen Verkaufsflächenzuwachs verkraften wird. Das war schade, aber sicher auch nicht zu erwarten. Das KCN hatte Junker für einen Vortrag engagiert - für eine eingehende Analyse Kleves fehlte der Händlervereinigung schlichtweg das Geld. Vielleicht setzt der Rat das ja noch ein. Denn Junker regte dringend an, eine Verträglichkeitsstudie in Auftrag zu geben.

Junker hatte eine ehrliche Einschätzung angekündigt und so bekamen die Händler auch zu hören, dass ihnen "ein bisschen Frische gut täte." Die Innenstadt sei "etwas angestaubt und von Mehltau überzogen".

Rolf Junker: Gar keine guten Worte hatte Junker für den möglichen Investor Sontwoski übrig. Er präsentierte dem Publikum Bilder aus einem recht frischen Sontowski-Center in Lippstadt, die wirklich abschreckend waren. Junker trocken: "Ich habe Freunde in Lippstadt und ich glaube, die basteln bereits an Bomben!" Er forderte vor allem die Ratsmitglieder auf, sich auch andere Projekte des Entwicklers anzugucken und auch mal in Venlo und Maastricht Center zu besichtigen (die er für äußerst gelungen hält). Diese Hoffnung habe ich allerdings aufgegeben. In Erlangen hat man sich nun ein Center angeguckt. Das wird reichen. Punkt.

Für Besichtigungen ist auch nicht mehr viel Zeit. Im April soll der Rat die Grundsatzentscheidung für Sontwoski fällen, dann sollen bis Juni die Details verhandelt werden. Junkers Rat, sich nicht "unter Druck setzen zu lassen" kommt zu spät. Wie leider die ganze Veranstaltung. Sie hat wirklich gehalten, was versprochen wurde: Sie gab gute Anregungen und Denkanstöße. Allerdings hätten wir die vor einem halben Jahr gebraucht. Jetzt ist das Sontowski-Projekt auf die Zielgerade eingebogen.

Und der Entwickler hat sich eigentlich auch nichts vorzuwerfen. Er hat die Kritik aufgenommen, die die Bürger vor einem halben Jahr bei der Veranstaltung in der Stadthalle geäußert haben. Dabei ging es vor allem um architektonische Einwände. Ich habe in "Das undurchsichtige Spiel" bereits auf die Gefahr hingewiesen, die darin steckt, wenn man nur die Architektur kritisiert: "Argumente, die schnell verpuffen, wenn die Star-Architekten von RKW den Centerentwurf aufhübschen. Doch eine schöne Fassade schützt den lokalen Handel nicht vor eventuellen existenzbedrohenden Umsatzverlusten!"

Wie gesagt: Sontowski hat sich der Kritik gestellt, sie zu Herzen genommen und mit dem neuen Entwurf entkräftet. Auch einige wichtige Kritikpunkte von Rolf Junker konnten durch die Präsentation des neuen Modells gestern entkräftet werden. Der Zeitpunkt der Präsentation mag mit Absicht gewählt worden sein, aber das ist m.E. nicht vorwerfbar und bei solchen Projekten ganz normaler "Teil des Spiels".

Obwohl man mit den knapp 300 Besuchern gestern aus Veranstaltersicht sicher zufrieden sein kann, muss man doch sagen: Das Interesse der Bürger hat abgenommen - es waren deutlich weniger Menschen als bei der ersten Veranstaltung vor einem halben Jahr da. Die FDP hatte angekündigt im Falle des Entscheids für das Center ein Bürgerbegehren zu starten. Ich will ja nicht schwarzmalen, aber ich glaube, dass dieses Vorhaben keine großen Erfolgschancen haben wird.

Die Diskussionen gingen dann in der Gaststätte "Früh" noch lange weiter. Einige hatten die Idee, Protest-Anstecker zu entwerfen und in Kleve zu verteilen, andere diskutierten über die genaue Bedeutung des Zwischenrufs von Volksbank-Chef Frank Ruffing ("Mehr Sachlichkeit. Genau!") auf der Veranstaltung, einige wollten einfach mal beim Bier Kölsch über was anderes als immer nur Einkaufszentrum reden und Alfons A. Tönnissen zeigte Fotos von sich und der ehemaligen Ober-Piratin Marina Weisband herum, die auf der Leipziger Buchmesse entstanden waren, wo sie ihm ihr aktuelles Buch signiert hatte. Frau Weisband sah hübsch aus...

Olaf Plotke, 19. März 2013

 

 

 

Kommentare   

#1 Kurierleser 19.03.2013 19:03
Warum haben die Bürger denn das Interesse verloren? Weil sie längst verstanden haben, dass ihre Meinung nicht mehr gefragt ist. Gefragt war diese nur zu dem Zeitpunkt, welcher den Regierenden Pluspunkte für deren Wiederwahl sicherte. Wie gerne schmückte sich doch der Bürgermeister mit diesem "tollen" Werkstattverfahren und der damit verbundenen Bürgerbefragung. Geblieben ist davon aber nach ein paar Jahren rein gar nichts. Heute interessiert bei dieser für Kleve so wichtigen Entscheidung nur noch die Meinung einiger weniger. Ist das eigentlich Herr Ruffing auf dem Foto?
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#2 O.Plotke 19.03.2013 20:10
Sehr geehrter Kurier-Leser,

ja, das ist Herr Ruffing auf dem Foto neben Frau Rexing.
Gut erkannt!

Gruß

Olaf Plotke
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#3 Der da 20.03.2013 09:12
Es ist ein Skandal das ein Einkaufscenter gebaut werden muss nur damit Volksbank und Rathaus eine Tiefgaragenzufahrt für ihre Dienstkarossen bekommen.
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#4 B.R. 20.03.2013 21:59
Das ist ähnlich wie mit dem Flughafen Weeze; als durchsickerte, dass die Politik das Ding durchzieht, egal was kommt, war es größtenteils aus mit dem Bügerprotest.
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#5 Martin Fingerhut 20.03.2013 23:14
@ #4 B.R. :
In Kleve braucht doch gar nicht erst "durchZuSickern", daß die Politik das Ding durchZieht.
Das war doch immer schon so, daß erst intern ausgekungelt und beschlossen wird,
und wir es erst danach vorgesetzt bekommen.
Auf Deibel komm raus durchGeTrotzt wird es soWieSo.

Wobei - um Herrn Bay's Lamento zu berücksichtigen -
es nicht " DIE Politik " ist, die im HinterZimmer oder in der AmtsStube beschließt.
Aber am Ende nickt " DIE Politik " - auf jeden Fall viel zu viele der Politiker - es artig ab.
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#6 Martin Fingerhut 21.03.2013 09:01
Die RP macht ihrem SpitzNamen " Rijnische Pest " mal wieder alle (Un)Ehre :

www.rp-online.de/niederrhein-nord/kleve/nachrichten/cdu-spd-und-gruene-fuer-den-neuen-plan-1.3269364

Die HofBerichtErstattung jubelt die Zustimmung als fast allUmfassend hoch und stellt die Bedenken so dar, als seien es nur die eigenartigen Ideen von vereinzelten Querulanten.

Außerdem läßt sich Herr Grass abspeisen mit :
### Riek: "Es gibt keinen Centermanager"
Das neue Geschäftshaus auf dem Minoritenplatz ist mit 5800 Quadratmetern Verkaufsfläche zu klein, um eigenständig zu sein, erklärt Sontowski-Projektentwickler Thomas Riek. Es werde keinen "Centermanager" geben, die Geschäfte sollen später ins KCN eingebunden werden. ###

Ein CenterManagement ist eine gemeinsame Verwaltung und WerbeGemeinschaft.
Das ist auch für kleine Komplexe möglich.
z.B. auch durch erfahrene CenterManager, die mehrere Komplexe betreuen.
Hingegen ist das KCN gar nicht dafür vorgesehen.
Weder hat das KCN sich um die Vermietungen zu kümmern,
noch darf das KCN einseitig einzelne Objekte bevorzugen,
denn es ist ein Verbund potentiell ALLER Klever Interessierten.
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