kirmes talk webRees (11.9.2016). Rees kann in diesem Jahr ein ganz besonderes Jubiläum feiern: Die Ortskirmes wird 775 Jahre alt. Die Veranstaltung kann also mit Fug und Recht als traditionell bezeichnet werden. Der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, Albert Ritter, würde noch einen Schritt weiter gehen und die Kirmes als Teil der Identität der Stadt bezeichnen. Er war diese Woche in Rees, um eine Ausstellung zur Geschichte der Reeser Kirmes im Rathaus einzuweihen. Er kam nicht allein: Mit dabei war auch die NRW-Kirmeskönigin Sofie I. Henzig aus Bochum und der Kreis Klever Schaustellerchef Dirk Janßen. Im Gespräch mit Kurier-Redakteur Olaf Plotke sprachen die Drei über die Vergangenheit und Zukunft der Kirmes und über ihre ganz besondere Faszination.

Ist die Kirmes in Zeiten des Internets und der Freizeitparks noch zeitgemäß?

Albert Ritter: „Sie hat in all den Jahrhunderten an ihrer Faszination nichts eingebüßt: In vielen Orten ist die Kirmes noch immer der Jahreshöhepunkt. Das gilt für kleine wie für große Orte. Nehmen Sie Crange - das ist eigentlich nur ein Vorort von Wanne-Eickel, aber der Name ist eng verknüpft mit einer einzigartigen Großkirmes. Einmal im Jahr pilgern rund 4,5 Millionen Menschen nach Crange, um hier Kirmes zu feiern. Die kommen ganz ohne Fernsehwerbung. Das Gleiche gilt für Düsseldorf mit seinen rund 4 Millionen Besuchern. Es ist einfach Tradition zur Kirmes zu gehen. Wir haben mal eine Umfrage gemacht, warum die Menschen zur Kirmes gehen. Und das Ergebnis war: ‚Ich gehe dahin, weil ich schon als Kind mit meinen Eltern hier war.‘ Die Kirmes ist für viele Menschen eine Art Ur-Erfahrung. Die Eltern schieben sie schon im Kinderwagen über die Kirmes. Und sie begleitet sie das ganze Leben durch: Als Jugendlicher lädt man ein Mädchen ein, mit im Autoscooter zu fahren, später besucht man die Kirmes mit den eigenen Kindern und schließlich guckt man den Enkelkindern beim Ponyreiten zu und macht stolz die Großelternfotos. Das kann nur Kirmes. Kein Internet kann die Süße der Lippen ersetzen, die man im Musikexpress zum ersten Mal küsst.“

Trotzdem steht eine Volksfest-Veranstaltung wie das Oktoberfest mehr im öffentlichen Interesse als die Cranger oder Düsseldorfer Kirmes.

Albert Ritter: „Das Oktoberfest gibt es gerade mal 208 Jahre und ist aus einem Pferderennen entstanden. Das kann sich doch mit unseren 1.200 Jahren Kirmesgeschichte überhaupt nicht messen. Damit das Oktoberfest auf seine 6,5 Millionen Besucher kommt, müssen da Menschen aus Australien, Amerika, China und Russland hinkommen. Zur Cranger oder Düsseldorfer Kirmes kommen über 4 Millionen Menschen, die aus der Stadt selbst und der näheren Umgebung kommen - das ist also ein Großereignis für die Menschen der direkten Region. Da ist Kirmes identitätsstiftend, eben der Jahreshöhepunkt. Und um die Bedeutung der Kirmes noch etwas deutlicher zu machen: Mallorca hat im Jahr 13 Millionen Touristen. Diese Besucherzahl schaffen in Deutschland schon drei Großkirmessen. Über diese Zahlen sollte jeder Baudezernent nachdenken, der die Bebauung einer Fläche plant, auf der einmal im Jahr die Kirmes stattfindet. Diesen Rat gab ja auch schon Papst Johannes XXIII, als er sagte: ‚Es ist kein Blumenbeet zu schade, um sich ein Karussell darauf zu bauen.‘“

Was macht denn die Faszination Kirmes genau aus?

Albert Ritter: „Da zitiere ich doch mit Franziskus gleich noch einen Papst: ‚Die Schausteller bringen das Licht in die Dunkelheit.“

Dirk Janßen: „Die Kirmes ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Karussells - sonst wäre sie ja nichts anderes als ein Freizeitpark. Natürlich sind Fahrgeschäfte wichtig und eine Kirmes ohne Karussells ist kaum vorstellbar. Aber das Flair der Kirmes ist mehr als das: Das hat damit zu tun, dass die Kirmes keine Dauerattraktion ist, sondern die Schausteller für eine gewisse Zeitspanne in die Stadt kommen und auf einem Platz und Straßen eine ganz eigene Welt entstehen lassen, die alles andere als Alltag ist. Hier riecht es nach Mandeln und Popcorn, da hört man Musik, lockere Sprüche aus einem Lautsprecher, freudige Gesichter und Attraktionen an jeder Ecke. Das lockt die Menschen an, weil es ungewöhnlich ist und man hier für eine gewisse Zeit, den Alltag völlig hinter sich lassen kann.“

Königin Sofie I.: „Man darf auch die Lichter nicht vergessen: Ich denke, viel Faszination geht auch von den vielen Lichter aus, die nach Einbruch der Dunkelheit erstrahlen und der Kirmes nochmal eine ganz andere, ganz besondere Atmosphäre geben. Das begeistert doch wirklich die ganze Familie. Man muss Kirmes immer auch abends erleben, um sie wirklich erlebt zu haben.“

Jetzt haben wir viel über die Erfolgsgeschichte der Kirmes gehört und dennoch gibt es doch Dorfkirmessen, die große Probleme haben und die in eine ungewisse Zukunft gehen.

Königin Sofie I.: „Es gibt beides: Es gibt die Dorfkirmes, die Menschen aus aller Welt anlockt, die aus dem Dorf kommen und zur Kirmes extra wieder in die Heimat reisen und es gibt die Dorfkirmes, die einen langsamen Tod stirbt. In den letzten 12 Jahren sind 1.500 Kirmessen in Deutschland verloren gegangen.

Albert Ritter: „Dafür gibt es viele Gründe. Oft haben wir mit Politikern und städtischen Marketingchefs zu kämpfen, die statt der Kirmes lieber ein Hummer- und Kaviarfest hätten, das mehr Menschen von außerhalb anzieht. Die Kirmes richtet sich ja vor allem an die Menschen aus dem Ort. Das ist den sogenannten Experten dann zu wenig Außenwirkung. Dann wird die Kirmes zu Gunsten einer neumodischen Veranstaltung kaputtgemacht.“

Dirk Janßen: „Eine Dorf-Kirmes hat da Zukunft, wo die Vereine zusammenstehen und dafür sorgen, dass ein Wir-Gefühl entsteht. Das ist das Wichtigste für den Erfolg und Bestand einer Kirmes. Denn gerade auf dem Dorf geht es darum, dass die Bewohner einmal im Jahr zusammenkommen und zusammen feiern. Deshalb ist die Gemeinschaft der Vereine so wichtig. Es ist aber auch wichtig, dass Werbegemeinschaften den Wert der Kirmes für ihren Ort erkennen und sich vielleicht beteiligen. Denn die Menschen, die zur Kirmes gehen, sind alle auch Kunden. Und jeder Händler sollte ein Interesse an einem lebenswerten Ort haben, denn das ist auch wichtig für die Zukunft des Handels.“

Foto & Fragen: Olaf Plotke

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