ComputerKreis Kleve (04.09.2016). Immer mehr Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit vor dem Computer, legen Tablets oder Smartphones kaum mehr aus der Hand. Neben dem Fernseher und DVD-Spielen werden von Kindern schon früh Tablets (ab dem 3. Lebensjahr), Computer (circa dem 8. Lebensjahr) und Smartphones (nahezu Komplettabdeckung ab dem 10. Lebensjahr) genutzt. Digitale Medien und soziale Netzwerke gehören für sie längst zum Alltag, werden von vielen als unbedingt notwendig angesehen. Kurier-Redakteur Michael Terhoeven sprach mit Siegfried Wolff, Jugendschutzfachkraft der Abteilung Jugend und Familie des Kreises Kleve, über das Suchtpotential von Computerspielen und Co., vom Zeitgeist überrumpelte Eltern und die Wichtigkeit einer ebenso umfassenden wie frühzeitigen Medienerziehung.

Herr Wolff, ist Computersucht ein Thema, das Sie regelmäßig beschäftigt?

Siegfried Wolff: Das Internet als Fenster zur digitalen Welt endet nicht in Köln oder Düsseldorf, sondern hat es mittlerweile auch bis ins hinterletzte Eckchen des Kreises Kleve geschafft. Mit den vielen Vorteilen, die die modernen Medien mit sich bringen, sind natürlich auch die negativen Folgen bei uns angekommen. Regelmäßig rufen besorgte Eltern bei mir an, weil sich ihre Kinder mehr und mehr in Computerspielen und den sozialen Medien verlieren.

Was macht den Reiz der digitalen Welt aus?

Wolff: Grundsätzlich gilt, dass Computerspiele & Co. nicht generell „zu verteufeln“ sind. Im Gegenteil. Sie fördern komplexes und abstraktes Denken, erweitern den Horizont, schaffen Interaktion auf anderen Ebenen. Es gibt Menschen, die im „normalen“ Leben unscheinbar oder sogar überfordert sind, deren versteckte Talente erst im Netz zum Tragen kommen. Hier führen sie große Gruppen, organisieren gigantische Treffen. Unternehmen haben Online schon die eine oder andere hochqualifizierte Führungskraft entdeckt und angeworben.

Und wo verstecken sich die Gefahren?

Wolff: Das tückische an Computerspielen ist, dass sie schnelle Erfolgserlebnisse generieren. Das Besiegen eines Gegners oder das Erreichen eines neuen Levels wird umgehend belohnt. Im realen Leben sind Erfolge weitaus schwieriger zu erreichen. Das Belohnungsgefühl nutzt sich aber ab. Immer mehr Zeitaufwand ist nötig, um denselben Kick zu erreichen. Und dann explodieren irgendwann die Spielzeiten. Besonders perfide geht es bei manchem Online-Spiel zu. Diese Welten laufen weiter, auch wenn der Spieler nicht vor dem Rechner sitzt. Ist er über längere Zeit offline, kann er alles verlieren, was er sich mühsam aufgebaut und zum Teil teuer bezahlt hat. Der Spieler wird also dazu verführt, am Ball zu bleiben. Am besten rund um die Uhr. Der Weg in die Sucht ist dann nicht mehr weit.

Und wie verhält es sich bei den sozialen Netzwerken?

Wolff: Nicht nur das Spielverhalten, auch die Kommunikation hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert. Man kann es gut oder schlecht finden, doch ändern kann man es nicht. Auch bei den sozialen Netzwerken liegen Chancen und Risiken dicht beieinander. Vor allem Kinder und Jugendliche, die im Alltag schwer klarkommen, fühlen sich bei ihren Online-Freunden aufgefangen und verstanden. Entscheidend ist, dass das reale Leben immer Vorrang haben muss. Sonst droht das Abdriften in eine Welt, in der längst nicht alles so ist wie es zu sein scheint. Im Netz trifft man nämlich auch Menschen, die nicht das Beste für einen wollen und oftmals nicht die sind, die sie vorgeben zu sein. Das birgt  dann noch ganz andere Gefahren als Sucht und soziale Isolation.

Wie können Eltern diesen Gefahren entgegensteuern?

Wolff: Damit Kinder kompetent mit den Gefahren umgehen können, braucht es eine vorsichtige, hinterfragende Vorbereitung durch die Eltern. Das ist in der Regel jedoch ziemlich schwierig. Die digitale Revolution ist in den vergangenen Jahren so schnell vorangeschritten, dass viele Eltern kaum dazu in der Lage sind, mit den technischen Entwicklungen Schritt zu halten oder ihnen auch nur zu folgen. In vielen Haushalten haben sich bei diesem Thema die Ebenen verschoben, sind die Kinder die eigentlichen Fachleute. Das sorgt bei Eltern für eine Mischung aus Hilflosigkeit und Unverständnis. Der scheinbar einfachste Weg dem entgegenzuwirken sind Verbote. Da das Internet heutzutage aber nahezu überall abrufbar ist, ist es fast unmöglich, Kindern den Zugang zu Computerspielen und sozialen Netzwerken zu verwehren. Deshalb ist Medienerziehung für mich genauso wichtig wie Verkehrserziehung. Beides sollte in frühester Kindheit beginnen. Dabei sehe ich vor allem die Eltern in der Pflicht. Die müssen sich, so gut es eben geht, über die digitale Welt informieren... und über das, was ihre Kinder tagtäglich konsumieren.

In welchem Alter sollte mit der Medienerziehung begonnen werden?

Wolff: Das fängt schon beim Fernsehgucken im Alter von zwei bis drei Jahren an. Bereits das sollte begleitet werden, ist es doch die Basis einer jeden modernen Medienkarriere.  Aus gemeinsamem Fernsehgucken kann ein gemeinsames Computerspielen werden. So können Eltern ihre Vorbildfunktion und ihren Einfluss am besten übertragen, denn auch Computerspiele vermitteln Werte. Wenn ein Spiel aber vorgaukelt, Konflikte sind nur mit zu Gewalt zu lösen, dann färbt das, so  es nicht thematisiert wird, irgendwann ab.

Womit wir bei der ewigen Ballerspiel-Diskussion wären...

Wolff: Ich fasse mich ganz kurz: Ballerspiele sind niemals die Ursache oder der Auslöser für Amokläufe! Die Täter leiden unter Persönlichkeitsstörungen. Was jedoch stimmt ist, dass Computerspiele die Umsetzung der Fantasien in die Realität begünstigen können.

 

Foto: Michael Terhoeven

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