Familie Kerkrath webKleve (25.12.2016). Am 14. Januar 1996 erschien der erste Kurier am Sonntag. Gegründet von der Unternehmerfamilie Marga, Wolfgang und Andreas Kerkrath aus Kleve-Kellen. Die kostenlose Wochenzeitung kam von da an 21 Jahre lang als Wochenendlektüre in die Haushalte von Rees, Emmerich, Kleve, Kranenburg, Bedburg-Hau, Goch, Uedem und Weeze. Die heutige Ausgabe wird die letzte sein. Nach mehr als zwei Jahrzehnten stellt die Zeitung nun ihr Erscheinen ein. Ein Interview mit dem Geschäftsführer Wolfgang Kerkrath stand am Anfang der Geschichte des Kurier am Sonntag. Nun soll er auch das letzte Wort haben.

Am 14. Januar 1996 erschien die erste Ausgabe des Kurier am Sonntag. Nach 21 Jahren erscheint  mit der heutigen Ausgabe der Kurier am Sonntag zum letzten Mal. Warum?

Wolfgang Kerkrath: „Es war eine schwere Entscheidung. Der Kurier am Sonntag ist für uns nicht nur irgendein Unternehmen. Wir sind ein Familienbetrieb und zwar nicht nur, weil unsere Familie ihn gegründet hat, sondern auch weil wir hier mit allen Mitarbeitern ein sehr familiäres Verhältnis gepflegt haben. Aber wir müssen uns als Unternehmen wirtschaftlichen Realitäten beugen. Leider mussten wir feststellen, dass es für eine inhabergeführte Zeitung wie den Kurier am Sonntag, ohne Großverlag oder Zeitungskonzern im Rücken, zunehmend schwerer bis unmöglich wird, kaufmännisch profitabel zu arbeiten. Kurz gesagt: Den jährlich steigenden Kosten stehen keine ausreichenden Steigerungen im Anzeigen-  und Beilagengeschäft gegenüber. Das hat natürlich auch mit der speziellen Wettbewerbssituation im Nordkreis Kleve zu tun. Hier gibt es zwei Tageszeitungen, drei Wochenzeitungen, ein paar lokale Magazine, dazu noch Radio und diverse Internetplattformen, die alle um die gleichen Kunden buhlen. Für einen kleinen Verlag wird es aber zunehmend schwerer, sich gegen die Zeitungsriesen zu behaupten. Wir haben immer mit viel Stolz und Ehrgeiz diese Zeitung gemacht und wollen dann auch mit erhobenem Haupt abtreten. Wir sind nicht pleite oder insolvent, sondern liquidieren das Unternehmen. Und wir bleiben niemandem einen Cent schuldig.“

Mit dem Ende des Kurier am Sonntag verschwindet ein Stück Klever Unternehmer- und Mediengeschichte, verschwindet auch ein Stück Meinungsvielfalt?

Wolfgang Kerkrath: „Wir waren immer ein engagiertes Blatt, das sich eingemischt hat. Ich denke, man hat dem Kurier am Sonntag die Leidenschaft angesehen, mit der er gemacht wurde. Damit meine ich nicht nur die kritischen Berichte auf der Titelseite, die oft den Finger in offene Wunden gelegt haben und zum Stadtgespräch wurden. Uns lag auch immer das Vereinsleben am Herzen, denn wir sind alle selbst tief in unserer Heimat und seinem Vereinsleben verwurzelt. Wir haben jedes Jahr zum Kellener Schützenfest mehrere Sonderseiten gemacht - das lag mir als Kellener immer besonders am Herzen. Aber ich meine natürlich auch die vielen anderen Vereine, vom ASV Griethausen bis zum RZK Goch, die alle unser Leben hier in der Region reicher machen. Wir haben auch über sie gerne und leidenschaftlich berichtet. Ich glaube, dass das die Einzigartigkeit des Lokaljournalismus ausmacht: Er kann sich kritisch mit der lokalen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzen, aber auch die Dinge herausstellen, die eben auch Teil unseres Lebens sind: Sport, Kultur, Gastronomie und Handel natürlich auch.“

Der Einzelhandel im Nordkreis Kleve verliert mit dem Kurier auch ein Sprachrohr.

Erstdruck webWolfgang Kerkrath: „Der lokale Einzelhandel ist leider ja auch sehr unter Druck geraten. Das haben wir natürlich auch zu spüren bekommen. Das Internet macht vielen Branchen zu schaffen. Dem lokalen Einzelhandel ist da eine mächtige Konkurrenz erwachsen. Die ist sicher bedrohlicher als der Aufstieg der großen Einkaufszentren vor mehr als 10 Jahren. Wir haben immer versucht, für den Einkauf in den vielen inhabergeführten Geschäften zu werben. Natürlich stellten die Händler auch eine Basis für uns dar. Aber wir haben das auch aus Überzeugung getan. Ich bin davon überzeugt, dass eine Stadt nur lebenswert ist, wenn sie auch eine florierende Einzelhandelslandschaft hat. Stellen Sie sich mal eine Stadt vor, in der es keine Geschäfte mehr gibt, weil alle nur noch im Internet bestellen – wer will denn da leben? Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass die lokalen Einzelhändler und Unternehmer sich auch in ihrem Werbeverhalten mehr daran orientiert hätten, welche Zeitung denn von hier ist und welche einem auswärtigen, anonymen Konzern angehört.“

Böse Zungen unterstellen dem Lokaljournalismus gerne, er würde nur über Kaninchenzuchtvereine berichten.

Wolfgang Kerkrath: „Auch die Kaninchenzuchtvereine haben ihre Berechtigung, denn auch hier sind Menschen mit viel Engagement für ihr Hobby aktiv. Der Kurier am Sonntag hat immer versucht, das bunte Leben abzubilden, das es hier bei uns gibt. Aber wir wollten dabei nie Gänseblümchen-Journalismus nach dem Motto ‚Alles ist gut‘. Es war uns immer wichtig, die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in unserem Verbreitungsgebiet kritisch zu begleiten. Ich bin überzeugt, dass wir mit unserer engagierten Redaktion in den vergangenen 21 Jahren da deutliche Akzente gesetzt haben.“

In Ihrem ersten Interview im Kurier am Sonntag haben Sie gesagt, dass die Menschen auf ein Sonntagsblatt warteten. Und jetzt?

Wolfgang Kerkrath: „Wir waren damals Pioniere an diesem Erscheinungstag. Wir haben den Menschen im Nordkreis Kleve kostenlos die Sonntagslektüre ins Haus geliefert. Später sind dann auch andere nachgezogen. Es war eine gute Idee und gute Ideen werden eben kopiert.“

Was bleibt Ihnen aus den 21 Jahren in Erinnerung?

Wolfgang Kerkrath: „Vor allem die tollen Mitarbeiter, die mit uns diese lebendige Zeitung gemacht haben. Es gab hier immer einen besonderen Geist im Haus, einen besonderen Zusammenhalt. Viele Mitarbeiter sind ja auch schon seit Jahren hier, einige sogar von Beginn an. Die Menschen hier haben sich sehr mit dem Unternehmen identifiziert. Wir waren eine große Familie. In Erinnerung bleiben mir natürlich auch die schmerzlichen Verluste: der Unfalltod unseres langjährigen Redaktionsleiters Reinhold Kolsberger und unser verstorbener Satztechniker Friedel Schulthoff, die beide schon seit der ersten Ausgabe zum Team gehörten, und natürlich Berthold Päschke, der von 1999 bis zu seinem Tod 2015 in unserer Druckvorstufe arbeitete. Das sind Verluste, die uns heute noch schmerzen, denn es waren drei großartige Menschen, die uns sehr nahestanden – so wie eigentlich alle Mitarbeiter unseres Verlags. Deshalb fiel uns dieser Schritt auch so schwer, die Zeitung einzustellen. Das Schicksal der Mitarbeiter lässt uns nicht kalt.“

Wie wird das sein, wenn Sie am Sonntag die letzte Ausgabe des Kurier am Sonntag in den Händen halten?

Wolfgang Kerkrath: „Das wird nochmal schwer werden. Aber ich blicke auch mit Stolz auf das, was wir erreicht haben: Wir haben 21 Jahre lang den Menschen  wöchentlich kostenlos eine Zeitung geliefert, haben viele Arbeitsplätze geschaffen, Steuern gezahlt , und unsere Redaktion hat mit ihren Berichten Akzente gesetzt und Diskussionen angestoßen. Ich werde die letzte Ausgabe einrahmen und neben die erste hängen. Dazwischen liegen 1.094 Ausgaben des Kurier am Sonntag. Und so werde ich am Sonntag in großer Dankbarkeit an die über 240 Menschen denken, die diese Leistung mit uns zusammen Woche für Woche möglich gemacht haben: vom Anzeigenberater bis zum Zeitungsboten. Ich bin auf jeden Einzelnen in unserem Team stolz.“

Fragen: Olaf Plotke

Kommentare   

#1 Kaubeuhut 25.12.2016 11:26
Schaaaaaaaaaaade, aber auch DANK bis hier her.

Allen, bishin zum Zusteller, viel Glück für die Zukunft!
Zitieren
#2 Adam Smith 25.12.2016 15:49
Auch hier bestätigt sich wieder die Regel, dass der Einzelhandel sich sein eigenes Grab stets selbst gräbt. Wie kann man nur so kurzsichtig sein und sich nun als Spielball zweier Konzerne auszusetzen?
Zitieren
#3 Gerd Plorin 25.12.2016 19:07
Auch ich bedaure das Ende des Kurier am Sonntag sehr.

Die Kostenstruktur dieser Zeitung ist mir nicht bekannt. Kann es sein, dass der Mindestlohn im Bereich der Verteilung dieser Zeitung auch eine Rolle gespielt hat?

Die „Fachleute“ des SPD-lastigen Teils unserer Regierung behaupten wahrheitswidrig, der Mindestlohn koste keine Arbeitsplätze. Die Kenntnis der Arbeitsnachfragekurve ist bei SPD-Arbeitsministerin wohl zu viel verlangt.

Noch ein Grund, die SPD loszuwerden. Glücklicherweise ist sie bereits auf dem richtigen Weg.
Zitieren
#4 Michael Welbers 25.12.2016 20:27
@Gerd
Wie kommt man denn vom Aus für eine Zeitschrift auf die Wahlempfehlung für die nächsten Wahlen?

Schade um den Kurier am Sonntag, schade für die vielen Menschen die nun vor dem nichts stehen. Ich wünsche allen Mitarbeitern alles Gute für die Zukunft!
Zitieren
#5 Willi Heuvens, Spark.ang. a.D. 26.12.2016 10:51
Dem gesamten Team vom Kurier und besonders dem Olaf wünsche ich alles Gute und viel Erfolg in der Zukunft. Oft kann ein Ende auch ein Start für große Neuerfolge werden (so wie bei mir nach Eintritt in den Unruhestand).
Alles Beste euch allen!!!
Zitieren
#6 Elvira Rohra 26.12.2016 13:16
Vielen Dank für die vielfältigen und interessanten Berichte, die uneingeschränkte Aufarbeitung vieler verschiedener Themen und, dass die Menschen ihre diversen Meinungen öffentlich austauschen konnten.

Der Kurier am Sonntag wird in unserer Presse- und Meinungsfreiheit sehr, sehr fehlen!!!

Für alle wünsche ich eine gute Zukunft!
Zitieren
#7 Jens-Uwe Habedank 27.12.2016 17:02
Die Überschrift paßt - schade, dass z.B. Werbekunden dies nicht zu würdigen wußten; aber in Kleve - ist das wohl schwerer als woanders..?

Neben der "Gleichschaltung" (hört sich schlimm an - ist es aber auch!) von RP und NRZ verbleibt somit nur noch der mittlerweile weichgespülte kleveblog als vermeintliches Sprachrohr kritikwürdiger Zustände und Ereignisse - somit ist die, vernehmbare, Meinungsvielfalt in Kleve leider dahin. Erst recht, wenn man das Unglück von A. Henseler berücksichtigt.

Ein Vorschlag, wenn nicht dann doch sich bewegende Studenten Alternativen aufbauen: Erweiterung "de rozet" via Düffel nach Kleve und Umgebung hin...
www.derozet.nl/

Dem Team vom KaS vielen Dank für mitnehmende Reportagen, Themen und Diskussionen und für die Zukunft Alles Gute!
Zitieren
#8 Peter Wanders 28.12.2016 08:36
Wirklich schade, aber leider bezeichnend für diese Zeit.
Der Familie Kerkrath Dank für ihr Engagement!
Den Betreibern des Forums ebenfalls ein Dankeschön für das Zulassen von Meinungsfreiheit.
Während hier meine Kommentare zu 100 Prozent veröffentlicht werden, schaffte es der Macher eines anderen Klever Forums ab seinem Bruch mit der Denkpause mehr als 50 Prozent meiner Kommentare mit Kritik an der Verwaltung der Zensur zu opfern.
Schade für die Diskussion in Kleve, wenn harte Kritik unterdrückt und weich gespült wird. Seitdem ist selbst die RP kritischer als dieser Blog...

Danke an Olaf und Michael für ihre klare Toleranz!
Möge uns dieses Forum des KaS noch lange erhalten bleiben!
Zitieren
#9 Willi Heuvens, Spark.ang. a.D. 28.12.2016 11:54
Ich denke, ich werde Olaf Plotke vermissen, vermissen als jemanden, der Zivilcourage beweist und bewiesen hat und eine herausragende Stellung als Journalist in Kleve und im Kreis Kleve einnimmt - obwohl wir nicht immer einer Meinung sind/waren - sein Können wird für seinen weiteren Lebensweg viele Vorteile bringen.
Zitieren
#10 Frau 28.12.2016 11:59
@8. Peter Wanders

Ich denke, die Klever Bürgerschaft muss einen anderen Weg finden, um nicht ganz mundtot gemacht zu werden............
Zitieren
#11 Bernd Derksen 01.01.2017 16:43
@Peter Wanders #8
Bemerkenswert finde ich, dass Ihr Kommentar zum Thema von www.kleveblog.de/6-das-schreiben-die-anderen-ueber-kleveblog/ wurde.

Im Ermöglichen von Meinungsfreiheit bei den Online-Kommentaren war der Kurier tatsächlich einmalig. Zumindest lokal. Verglichen mit RP, NRZ, WDR, Lokalkompass, etc.

Erlebte und auf mich willkürlich wirkende Zensur ist ja der Grund, warum ich im Kleveblog nicht mehr kommentiere. Derlei war und ist natürlich das Recht (und je nach Motiven vielleicht Verantwortlichkeit) der jeweiligen Betreiber.

Umsomehr mein persönlicher Dank an Herrn Kerkrath!!!
Für die Ermöglichung offener Debatten.

Sicher hat der ein oder die andere sich beschwert, dass man diesen oder jenen Kommentar freigeschaltet hat, Herr Plotke in die diverse Richtungen provokant formulierte, etc..
Umso bedauerlicher finde ich, dass sich ein derart Diskursfreiheit gewährender Kurs ökonomisch nicht ausgezahlt zu haben scheint.

@Jens-Uwe Habedank
>mittlerweile weichgespülte kleveblog>
Das kann man so bewerten.
Man kann natürlich den sehr konfrontativen Kurs gegenüber dem vorherigen Bürgermeister als als sehr problematisch bewerten. Aber manches Heutige dort wirkt arg gegenteilig, also unkritisch.
-----

Ich glaube, dass es ein recht schmaler Grat für professionelle Journalisten ist. Einerseits eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu den unterschiedluchen politischen Akteuren aufzubauen und zu erhalten, andererseits aber kritisch-distanziert zu bleiben und entsprechende Aspekte öffentlich und damit den Betroffenen oft schadend anzubringen bzw. artikulieren zu lassen.
-----
So wie die Gesellschaft gespalten wirkt bzw. ist, so scheinen es auch die Medien. Einerseits die in ihrer Nichthinterfragung von Regierungsrhetorik, etc. erstarrt wirkenden "etablierten" Medien, andererseits die dies vielleicht oftmals im Übermaß betreibenden "alternativen" Medien (incl. großer Teile der "sozialen" Medien).
Zitieren
#12 Jens-Uwe Habedank 01.01.2017 17:18
@ Bernd Derksen:
"Erlebte und auf mich willkürlich wirkende Zensur ist ja der Grund, warum ich im Kleveblog nicht mehr kommentiere. Derlei war und ist natürlich das Recht (und je nach Motiven vielleicht Verantwortlichkeit) der jeweiligen Betreiber. "

Genau das kann ich, auch aktuell aus den letzten 3-4 Tagen, nur unterschreiben! Im Zusammenhang mit "seltsamen" Kosten für den Abbau des Bahnhofs-Bahnsteig-Daches habe ich mal generell "Kosten à la Vewaltung" mit Beispiel "Kopien" (ach von "eigenen" Akten) hinterfragt. Diese kosten bei Allkauf etc. zwischen 4ct und 20 ct. - bei der Klever Verwaltung direkt 1 Euro...
DAS schien dem Herausgeber von kleveblog schon zensurwürdig zu sein, um meinen Beitrag schlichtweg, mal wieder, in den virtuellen Papierkorb zu werfen?

"Umsomehr mein persönlicher Dank an Herrn Kerkrath!!!
Für die Ermöglichung offener Debatten. "
Unterschreibe ich auch genau so!
Zitieren

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren