Rübo1 webKleve (18.12.2016). Auch in Kleve gibt es große Armut. Mehr als man auf den ersten Blick vermuten würde... oder will. Wohnungslosigkeit oder Zahlungsunfähigkeit spielt sich aber zumeist im Verborgenen ab, ist die Hemmschwelle, sich als Mittellos zu „outen“ doch ungemein groß. Erst wenn gar nichts mehr geht, wird Hilfe in Anspruch genommen. Von der Klever Tafel zum Beispiel, oder der Klosterpforte. Und auch die Vinzenz-Konferenz ist steter Helfer in größter Not. Michael Rübo engagiert sich seit vielen Jahren in allen drei Hilfeinrichtungen. Kurier-Redakteur Michael Terhoeven sprach mit ihm über eine steigende Zahl an Hilfsbedürftigen in der Kreisstadt, die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer und einen großen Wunsch, der wahrscheinlich nie in Erfüllung gehen wird.

Wonach suchen Menschen, die zur Tafel, zur Klosterpforte oder zur Vinzenz-Konferenz kommen?

Michael Rübo: Auch wenn es in der Regel um fehlendes Geld geht, ist nahezu jedes Hilfegesuch ein Einzelfall und mit ebenso individuellen Schicksalen verbunden, die dahinter stecken. Auf der einen Seite sind es materielle Dinge wie Nahrung, ein Dach über dem Kopf oder Kleidung die fehlen, andererseits geht es aber auch um soziale Kontakte, Beratung und Hilfestellung zum Beispiel bei Behördengängen, um irgendwie zurück ins Räderwerk der Normalität zu gelangen. Theoretisch muss in unserem Land kein Mensch auf der Straße oder in totaler Armut leben. Doch bekanntlich ist alle Theorie grau.

Kommt es mir nur so vor, oder werden die Menschenschlangen bei den Tafeln immer länger?

Michael Rübo: Die Insel der Glückseligen gibt es nicht... auch nicht in Kleve. Es gibt auch nichts schönzureden. Ja, die Zahl der Bedürftigen, die das Angebot der Klever Tafel nutzt, ist tatsächlich größer geworden. Sie ist  aber nicht unüberschaubar groß. Und ganz klar: Die vielen Flüchtlinge der vergangenen Jahre haben das Klientel erweitert. Ebenso wie eine wachsende Zahl an Studierenden, die aufgrund der hohen Mieten in der Stadt mit ihrem Geld zum Teil vorne und hinten nicht auskommen. Hauptgrund für die Entwicklung dürfte aber sein, dass die Tafeln in den Köpfen der Menschen angekommen sind und akzeptiert werden.

Schafft es das Netzwerk an Lebensmittelspendern denn noch, die Nachfrage zu befriedigen?

Michael Rübo: Das Netzwerk funktioniert ausgesprochen gut. Nach zehn Jahren hat sich es sich eingespielt. Nahezu alle großen Lebensmittelhändler sind mit an Bord. Es ist aber nicht so, dass wir nur von ihnen profitieren, sie profitieren auch von uns, müssen überschüssige und aussortierte Ware nicht entsorgen. Mal ganz abgesehen davon, dass Nahrung niemals auf dem Müll landen sollte - aber das ist ein anderes Thema.

Die Tafel „lebt“ aber nicht nur von Lebensmittelspenden...

Michael Rübo: Es braucht auch Geld, um die Einrichtung am Laufen zu halten. Autos, Versicherungen, Strom oder Miete wollen bezahlt werden. Städtische Zuwendungen bekommen wir hierfür keine. Das ist bei der Klosterpforte zum Glück anders. Ein Großteil des Etats muss aber auch hier durch Spenden erwirtschaftet werden. Beides zu schaffen, ist Jahr für Jahr ein finanzieller Kraftakt, der nur gelingt, weil sowohl bei der Tafel als auch bei der Klosterpforte zahlreiche ehrenamtliche Helfer mit anpacken. Allein bei der Tafel sind es mehr als 50. Die helfen hier zum Teil in Vollzeit und das seit vielen Jahren. Das würden sie nicht tun, wenn sie dafür nichts zurück bekämen.

Was denn zum Beispiel?

Michael Rübo: Man spürt nahezu durchweg eine große Dankbarkeit und es kommt zu tollen Begegnungen mit tollen Menschen, die leider irgendwo falsch abgebogen sind, Fehler gemacht haben, die ihnen zumeist sehr bewusst sind. Ihnen muss geholfen werden. Das Helfen sorgt für eine gewisse Zufriedenheit, steigert das eigene Glück. Das zu transportieren wird in einer Gesellschaft, in der immer mehr die Ellenbogen ausgefahren werden, aber immer schwieriger.
Das müssen Sie erklären.

Michael Rübo: Ich möchte das anhand der nach wie vor besonders präsenten Flüchtlingssituation erklären. Anfangs hieß es von Kritikern: Wer nichts ins System eingezahlt hat, soll selbst im Notfall keine Leistungen aus dem System erhalten. Daraus wurde schließlich, dass Flüchtlinge mehr vom Staat gefördert würden als deutsche Sozialhilfeempfänger. Obwohl das faktisch nicht stimmt, war eine Neiddiskussion geboren, die mit gepöbelten Parolen unterfüttert und selbst auf höchste politischen Ebenen fortgeführt wurde. Das alles geht an den nach Hilfe suchenden Menschen nicht spurlos vorüber und macht unsere Arbeit nicht gerade einfacher. Es gab und gibt zusätzlich Aufklärungsarbeit zu leisten Die Bereitschaft zum Spenden hat sich zum Glück nicht verschlechtert.
Wie wichtig ist für sie in Sachen Spenden eigentlich das „Weihnachtsgeschäft“?

Michael Rübo: Immens wichtig. Es ist nun einmal so, dass die Solidarität in Herbst und Winter größer ist als im Frühjahr. Das müssen wir nutzen. Wenn wir da nicht regelmäßig mit Aktionen in der Zeitung stehen, geht es uns im Januar und Februar schlecht. Und das in der Zeit, in der am meisten Hilfe benötigt wird, ist das Leid von Obdachlosen und denen, die ihre Heizkosten nicht zahlen können im Winter doch am größten.
Was wäre ihr größter Weihnachtswunsch?

Michael Rübo: Dass sich Einrichtungen wie die Tafel oder die Klosterpforte auflösen würden, weil sie nicht mehr benötigt werden. Doch das wird womöglich nie der Fall sein...

 

Foto: Michael Terhoeven

Kommentare   

#1 Elvira Rohra 18.12.2016 11:51
Herr Terhoeven, vielen Dank für diesen realistischen Bericht!!!

Und ein großes Dankeschön an Herrn Rübo und die beherzten Menschen, die sich um die Menschen kümmern.

Vielleicht versteht die Stadtverwaltung und die Politik nun, warum jede bezahlbare Wohnung in Kleve gebraucht wird, und es für die meisten Menschen hier unverständlich ist, dass intakte, innenrenovierte, bewohnte und sofort bewohnbare, bezahlbare Wohnungen in den Mehrfamilienhäusern Lohstätte 17 und 19 in Kleve, abgerissen werden sollen.
Und dies einzig und alleine zum Zweck einer völlig unnötigen "Straßenregulierung", die, meines Wissens, nicht im "Stadthallenumfeld-Förderprogr amm" beinhaltet ist!!!

Warum möchte man in der Stadtverwaltung und in der Politik nicht wissen und wahrhaben, dass es in Kleve u.a. aktuellen Notstand an bezahlbarem Wohnraum gibt?

Es wäre im Namen und Sinne der Menschen und der Menschlichkeit, wenn eine Lösung geplant wird, dass diese Häuser nicht abgerissen werden!

DIE MENSCHEN IM MITTELPUNKT!!!
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#2 Jens-Uwe Habedank 18.12.2016 18:29
Ich bewundere mit allem Respekt den jahrzehntelangen Einsatz von Herrn Rübo! Gerade auch die Langmut und Ausdauer mit der er seine Überzeugungen lebt. Gleichwohl auch das Licht, das er um sich ausstrahlt und Menschen motiviert dergleichen zu tun.

Sein Realitätssinn zeichnet ihn darüber hinaus aus.

Umso größer meine Bewunderung für ihn, und sein Tun, als dass meiner Einer eher pro Marx und er eher Kolping fokussiert sind - und wir immer miteinander offfen und konstruktiv reden konnten.

Herr Rübo mag sicherlich nicht das Bild eines Politikers von sich - für mich aber ist er genau das (wünschenswerte): Real. authentisch, fair, glaubwürdig, verlässlich.
Mit den Worten meiner Ziehmutter, Sr. Oberin Franziskushaus Kleve Hedwig (verstorben 2015) vermag ich zu sagen: Welch ein Segen für Kleve!
Es war ihr Glaube an Menschen wie Herrn Rübo, dass sich ihr Gottesdienst lohnen würde...
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#3 Willi Heuvens, Spark.ang. a.D. 19.12.2016 09:54
Meine Hochachtung vor den Leistungen der Tafel, der Klosterpforte und vor dem unermüdlichen Einsatz von Herrn Rübo.
Eine Insel der Glückseligen gibt es nicht - das ist sicher richtig. Wohlstand für alle, Beseitigung von Armut, menschenunwürdigen Löhnen, Armutsrenten und unbefristeten Arbeitsverhältnissen wäre möglich durch Umdenken der verantwortlichen Altparteien, durch Besinnung auf das Soziale und das Christliche bei den großen Parteien und den Amtskirchen. Ich denke, die Lösungen dieser Probleme ist mit "Weiter so" nicht zu vollziehen. So etwa wäre die reine Lehre Jesu zu übersetzen.
Vielleicht mal hier reinschauen:
lokalkompass.de/.../...

In diesem Sinne frohe Weihnachtstage, auch wenn der Kurier leider bald nicht mehr existiert ....
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