Musical1 webGoch (13.11.2016). Wöchentliche Pegida-Demonstrationen in Dresden. - Die Rechtspopulisten von der AFD ziehen hochprozentig in mehrere Landtage ein. - Gewalt gegenüber Flüchtlingen nimmt zu. Doch auch Abseits der großen Schlagzeilen sind Angst, Wut und Unsicherheit gegenüber Menschen mit Religion, Herkunft und Kultur jenseits der „deutschen Norm“ hörbar... wenn oftmals auch nur hinter vorgehaltener Hand. Genau solche Alltagsszenen sind es, die das Musical „Subway-Allein“ aufgreift. Gebündelt im Abteil einer U-Bahn treffen Meinungen, (vermeintliches) Wissen und Emotionen aufeinander. Kurier-Redakteur Michael Terhoeven sprach mit Doro Höing (Regie & Text), Manuel Hermsen (Komposition mit Daniel Verhülsdonk) und Hans-Peter Bause (Text & Schauspiel) über ein Projekt, dessen Ergebnis am 18., 19. und 20. November in der Aula der Gaesdonck zu sehen sein wird. Sie gehören zu treibenden Kräften aus Reihen der Family-Singers aus Pfalzdorf, die das Musical in Eigenregie auf die Beine gestellt haben.

„Subway-All(ein)“ ist nicht das erste Musical der Family-Singers.

Bause: Das ist richtig. Wir haben in den vergangenen Jahren auch schon ein Weihnachts- und ein Ostermusical auf die Bühne gebracht. Das hier ist jedoch etwas ganz anderes.
Inwiefern?

Höing: Die Bibel gibt die Geschichten zur Geburt und zum Tod Jesu nun einmal vor. Bei „Subway-Allein“ waren wir völlig frei - in der Themenfindung, bei der szenischen Umsetzung, aber auch was die Musik betrifft.

Das klingt doch nach großem Spaß...

Hermsen: Größtmögliche Freiheit bedeutet aber auch unglaublich viel Arbeit. Ursprünglich war die Idee, ein Musical über Flüchtlinge zu schreiben. Aus Sorge, dass das Thema zum Zeitpunkt der Aufführung durchgekaut sei, entschlossen wir uns jedoch, die Thematik zu erweitern. Wie der Untertitel aussagt, handelt es sich um ein Musical über Liebe und Angst und dem Leben dazwischen. So konnten wir die Geschichte weiter fassen. Neben der Flucht ins Asyl behandeln wir auch die Flucht auf metaphorischer Ebene: Auch Einheimische können auf der Flucht sein - zum Beispiel vor sich selbst oder der Realität ihres Lebens.

Höing: Wir haben viel recherchiert, sind mit Flüchtlingen in Kontakt getreten, die bereits bei uns angekommen sind. Das war relativ einfach, nahmen und nehmen Mitglieder der Family-Singers aktiv an der Integration von Flüchtlingen in Goch und Umgebung Flüchtlinge teil. Ihre Geschichten haben uns berührt. Nicht nur die vom Krieg in ihrer Heimat, von Vertreibungen oder Flucht, sondern auch die darüber, was sie in Deutschland erlebt haben und wie sie sich hier fühlen. So emotional und zum Teil ernüchternd das auch war, war es auch eine große Inspiration.
Da war der Weg nicht weit, Flüchtlinge ins Stück mit einzubauen.

Bause: Das war ein logischer Schritt, den wir sehr gerne gegangen sind. Zum einen: Wer kann eine Rolle besser verkörpern als diejenigen, die ähnliche Momente selbst erlebt haben, sich womöglich sogar tagtäglich mit ihnen auseinandersetzen müssen? Zum anderen ist die Teilnahme an dem Projekt aber auch eine Chance zur Integration und gelebtes Miteinander. Hier proben Menschen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Bangladesh und der Elfenbeinküste mit den Family-Singers aus Pfalzdorf. Das lief hier und da vielleicht ein bisschen holprig, doch es ist etwas Wunderbares, das mich, aber vermutlich uns alle auch über das Stück hinaus persönlich weitergebracht hat.

Das komplette Musical spielt in der U-Bahn. Zum Teil am Bahnsteig, zum Teil im Abteil. Warum wurde dieses Szenario gewählt?

Höing: In der U-Bahn begegnen sich Menschen, treffen die unterschiedlichsten Typen in immer wieder neuen Konstellationen aufeinander, ohne sich dabei wirklich aus dem Weg gehen oder weghören zu können. Es ist ein Mikrokosmos in dem sich Episoden einer Geschichte erzählen lassen. Roter Faden ist ein junger Mann vom Lande. Er wird mit dem Alltagsleben der Städter konfrontiert, macht Bekanntschaft mit Unfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft, mit gut bezahlten Managern ebenso wie mit Obdachlosen und Bettlern. Jeder von ihnen hat seine ganz eigene Geschichte zu erzählen und nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Was war zuerst da, die Story oder die Musik?

Hermsen: Die Story, wobei die nicht in Stein gemeißelt war. Daniel Verhülsdonk und ich brauchten schon die einzelnen Charaktere, um ihnen und ihrer jeweiligen Stimmung die passende Musik auf den Leib zu schreiben. Am Ende ist beim Komponieren und Arrangieren eine ziemlich bunte Mischung herausgekommen. Von Whisky-Blues über Tango bis hin zu Drum‘nBase, Walzer und Hip-Hop ist alles dabei. Zwei Nummern werden von dem aus Goch stammenden Rapper Nesti (Jens Ernesti, „Liebe ist“ und „Für Dich“) gesungen. Darüber hinaus unterstützte er in der Vorbereitung unsere jugendlichen Rapper. Sopranistin Annette Regnitter hat in Stimmbildungskursen mit dem Chor gearbeitet. Zudem sitzt Tanzpädagogin Christine Albers mit im Boot und es wurden begleitende Video-Animationen von Grietje de Vree erstellt.

Das klingt alles ausgesprochen professionell. Wie viele Leute sind an dem Musical beteiligt?

Bause: Rund 100 Sänger, Tänzer und Schauspieler. Es singen übrigens nicht nur die Family-Singers sondern auch der Kesseler Kinderchor.

Hermsen: Hinzu kommen eine 19-köpfige Band bestehend aus vier Streichern und Musikern in Big Band-Besetzung. Diesmal sind es mehr Bläser als Streicher, dadurch klingen wir um einiges moderner.

Und die Flüchtlinge?

Höing: Zehn sind fest mit dabei, singen im Chor und haben Schauspielrollen übernommen.

Drei Aufführungen von „Subway-All(ein)“ sind geplant. Bei dem betriebenen Aufwand kann das ja wohl nicht alles sein?!

Hermsen: Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Ich denke, das Stück ist gut zur Aufklärungsarbeit an Schulen geeignet, bietet es doch mal einen anderen  Blick auf Themen wie Ausgrenzung, Toleranz, Hoffnung und Mut. Themen, die zeitlos sind, derzeit aber besonders aktuell sind.

 

Am 18., 19. und 20. November wird das Musical „Subway-Allein“ in der Aula der Gaesdonck aufgeführt. Am Freitag und Samstag beginnt die Vorstellung um 19.30 Uhr, am Sonntag um 16 Uhr. Der Eintritt kostet 18 Euro, ermäßigt für Kinder bis 14 Jahre 9 Euro. Karten gibt es bei Karin Brock unter der Rufnummer 02821/26261 sowie im St. Martinus Pfarrheim in Pfalzdorf, Telefon 02823/9288790 und online unter www.subway-all-ein.de/tickets. Die Veranstaltung am Sonntag ist bereits ausverkauft.

 

Fotos: Michael Terhoeven

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