AnnikaKalkar (23.10.2016). Annika Schmitz drückt den Startknopf und dreht an einem Regler. Das an ihrem Unterschenkel fixierte elektronische Gerät ist aktiviert. Und los geht‘s. Von einer Sekunde zur nächsten wird Annikas bis dahin ebenso kraftraubender wie schiefer Gang mit hängender, nach innen gerichteter linker Fußspitze zu einem flüssigen Gehen. „Ich brauche für länge Strecken keinen Rollstuhl mehr... und kann mir endlich Hosen und Schuhe anziehen, die mir auch gefallen“, sagt die 17-Jährige aus Kalkar. Bis dahin war es ein steiniger Weg, weil der Medizinische Dienst der Krankenkassen sich lange Zeit quer stellte.
Bereits im Mutterleib erlitt Annika Schmitz einen Schlaganfall. Die Folge: Teile ihrer linken Körperhälfte sind mehr oder weniger stark von einer Lähmung betroffen. Mit Hilfe von Botoxspritzen und unterstützt von Schienen lernte sie dennoch zu laufen. Das Nervengift, das in der Schönheitschirurgie für faltenfreie Gesichter sorgt, verlor über die Jahre an Wirkung. „Man versuchte es mit einem anderen Medikament, doch das schlug nicht an“, erinnert sich die 17-Jährige an eine ganz schwere Zeit.
Dirk Fischer, Orthopädietechniker bei Mönks und Scheer, schlug schließlich vor, es mit dem „Walk Aide“ zu versuchen. Statt auf Chemie setzt das Gerät auf elektronische Impulse. „Über den Nerv wird dem Muskel der Befehl gegeben, die Fußspitze beim Laufen im richtigen Moment anzuheben“, erklärt Fischer das kleine technische Wunderwerk. „Ich lief sofort besser, flüssiger. Trotz der spürbaren leichten Stromschläge war mir sofort klar: Das ist es“, erzählt die Gymnasiastin. Der Medizinische Dienst war aber anderer Meinung. „Angeblich sei das Gerät nichts für mich, weil ich noch wachsen würde. Dabei wurde es für Kinder und Jugendliche entwickelt“, glaubt die Schülerin an einen vorgeschobenen Grund. „Es ging allein ums Geld“, ist sie sich sicher. Ein Anwalt wurde eingeschaltet, doch dauerte es fast zwei Jahre, bis der Kampf endlich gewonnen war.
Jetzt läuft‘s für Annika. Im wörtlichen Sinne. „Ihr Gangbild hat sich enorm verbessert, die Muskulatur ist, befreit von den Schienen, kräftiger geworden“, sagt Dirk Fischer. Treppensteigen ist für die 17-Jährige kein Problem mehr, längere Strecken sind ohne Rollstuhl zu bewältigen, plump wirkende medizinische Schuhe gehören der Vergangenheit an. „Endlich kann ich planen, meine Träume zu verwirklichen“, ist Annika Schmitz die Freude anzusehen. Führerschein machen, Abi bauen, ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland. „Ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte dazu beitragen kann, dass andere Kinder nicht so leiden müssen. Kämpfen lohnt sich“, lautet die Botschaft einer selbstbewussten jungen Frau.

 

Text & Foto: Michael Terhoeven

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