Memory mit den Großhirnrinden-Großmeistern
Spielen Sie eigentlich gerne Memory? Sie wissen schon, dieses Spiel, bei dem ganz viele zugedeckte Kärtchen mit Symbolen auf dem Tisch liegen, Sie sich krampfhaft merken, wo welches Symbol liegt und ihr Mitspieler Ihnen zeigt, wie babyeinfach das ist. Und während der Pärchen um Pärchen einsammelt, kocht so langsam aber sicher die Wut in Ihnen hoch, weil sie merken, dass Ihr Gegenüber einfach nicht aufhört mit dem Aufdecken.
Während man am Anfang noch denkt: "Hätte ich auch gewusst", ist man schließlich fassungslos und erschüttert, weil man sich so unsagbar dämlich vorkommt, wenn der Gegner am Ende einen Kärtchenstapel in Wolkenkratzer-Größe auftürmt, um zu messen, wer die meisten Pärchen aufgedeckt hat, obwohl Sie doch genau wissen, dass der "blöde Hund" turmhoch gewonnen hat.
Wenn Sie das Gefühl kennen, wollen sie gegen Dominik Moersen aus Xanten vermutlich nicht Memory spielen. Denn der junge Mann, den Sie hier auf dem Foto sehen, ist Gedächtnistrainer. Ja genau, so ein Super-Merker. 
Einer, der keinen Einkaufszettel braucht und sich eine Wegbeschreibung über 25 Stationen kreuz und quer durch die Großstadt problemlos merken kann. "Jeder kann seinem Gedächtnis Flügel verleihen", verspricht Dominik Moersen jetzt in einer Pressemitteilung. Denn der sympathische Super-Merker erklärt an zwei Abenden bei der VHS in Goch wie auch wir unsere Merkfähigkeit steigern können.
Super, dachte ich - da gehst Du mal hin.
Kalender gezückt, Bleistift in der Hand, wollte ich nun aber den Kurs bei Mister McBrain eintragen. Ging aber nicht, weil er zwar schrieb, dass es sich um zwei Abende handelte, aber nur den ersten Termin mitteilte. Der ist am 1. Dezember. Wann der zweite Abend ist, hat er dann wohl vergessen dazu zu schreiben.
Das erinnerte mich sehr stark daran, dass ich mal auf einer Veranstaltungsmesse (auf der sich Künstler präsentierten, um von Veranstatern gebucht zu werden) auch so einen Gehirn-Jogger getroffen habe, der behauptete den gesamten Brockhaus auswendig gelernt zu haben. Nun gibt es den Brockhaus ja in zig Varianten.
Zur Kommunion bekam ich mal eine schmale vierbändige Ausgabe. Okay, ich würde es nie und nimmer schaffen, die auswendig zu lernen, weil ich mir ja beim Memory nicht einmal dann die Lage eines Pärchens merken kann, wenn ich die Karten vorher markiert habe. Aber egal, also ein Gehirn-Meister, der meinen Kommunion-Brockhaus auswendig gelernt hätte, der hätte mich dann nicht so beeindruckt. Aber dieses Superhirn behauptete, er hätte eine 20 Bände umfassende Ausgabe plus soundsoviele Zusatzbände auswendig gelernt.
Da sagen Sie erstmal nichts und denken sich in der stillen Hinterhältigkeit eines Durchschnittsbürgers: "Na Freundchen, das wollen wir aber mal testen."
Habe ich dann auch gemacht.
Ich näherte mich Doktor Gehirnlappen dann auf die charmante Art: "Wie macht man das denn? 20 Bände? Ich kann mir ja nicht mal merken, wo ich das Taschenbuch hingelegt habe, das ich gestern angefangen habe zu lesen. Und Sie wissen wirklich alles, was da drin steht? Toll. Super. Ich bin ganz von den Socken."
Der Mega-Memorierer tat als würde er ganz schamviolett und brabbelte dann so was in der Richtung von: "Alles eine Frage der Technik. Ich bin jetzt aktuell dabei, auch noch die Britannica auswendig zu lernen."
Das hat ja mal ein amerikansicher Journalist gemacht und ist dann bei der US-Variante von "Wer wird Millionär?" in einer der ersten Runden gnadenlos rausgeflogen.
Also übernahm ich auch mal die Rolle vom Jauch. "Sie kennen also den ganzen Brockhaus - dann könnten Sie mir also so ohne Probleme sagen, an welchem Tag genau John Lennon erschossen wurde?"
Der Merk-Master verzog keine Miene und antwortete trocken: "Natürlich" und wippte dabei so bedeutungsvoll einmal auf den Zehen, was ihn wohl größer machen sollte.
Dann passierte eine kleine Ewigkeit gar nichts.
Ich machte derweil mehrmals so eine nickende Kopfbewegung mit aufgerissenen Augen. Das war natürlich kein Krampf, sondern der körpersprachliche Ausdruck dafür, dass ich von Doktor Obermerker nun die Antwort erwartete, die ich ja kannte.
Nun kommt L wie Lennon vermutlich irgendwo in den Bänden 9-11 vor, tippte ich und hoffte, dass er die jetzt nicht alle im Geiste durchblättern musste.
Als eine weitere Ewigkeit vergangen war, sagte ich höflich: "Das wäre jetzt die günstige Gelegenheit, Ihr umwerfendes Gedächtnis unter Beweis zu stellen."
Aber der Gedächtnis-Profi meint nur kühl: "Das mache ich nie. Ich will mich und mein Können hier ja präsentieren und keine Veranstaltung geben. Wenn Sie solche Fragen beantwortet haben wollen, müssen Sie eine meiner Veranstaltungen besuchen und Eintritt bezahlen."
Das war nett gesagt und ließ darauf schließen, dass er sich betriebswirtschaftliche Vorgänge zumindest besser merken kann als den Todestag von John Lennon.
Ich habe von dem Superhirn dann trotzdem noch einen Prospekt mitgenommen, nach dessen Lesen mir dann klar war, dass er vielleicht besser den Duden auswendig gelernt hätte. Aber was hätte das schon gebracht, wenn er das genauso erfolglos gemacht hätte wie mit dem Brockhaus.
So habe ich nun also zwei Großhirnrinden-Großmeister ein wenig kennen gelernt. Der eine wusste offenbar nicht, wann John Lennon erschossen wurde und der andere hat anscheinend vergessen, das Datum des zweiten Seminarabends in Goch in seine eigene Pressemitteilung zu schreiben.
Mein Tipp: Besser den Brockhaus kaufen und wenn es Sie denn interessiert, selbst mal nachschlagen, wann John Lennon erschossen wurde.
Und wenn Sie wissen wollen, wann der zweite Gedächtnis-Abend mit Dominik Moersen in Goch ist, dann verrate ich es Ihnen hier: am 8. Dezember.
Olaf Plotke, 22. 11. 2010
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Viele Grüße
A.